Bäume, unsere geliebten Verwandten
EIN TEXT VON PHILIPP KRONBICHLER
Bäume teilen sich mit Familie, Verwandten, engen Freunden und Vertrauten die wichtige Eigenschaft, dass sie scheinbar voraussetzungslos da sind. Das verführt uns häufig zu lautstarken Beschwerden über ihre negativen Eigenschaften, während wir ihre positiven Wirkungen und Eigenschaften meist still und unkommentiert akzeptieren - und irgendwann gar nicht mehr wahrnehmen.
Nicht anders verhält es sich bei der Birkenallee in Waidhofen, die die Wiener Straße säumt. Die Anrainer beklagen sich über Schmutz, fallendes Laub, Blütenkätzchen und Staub, die Allergiker über die Pollen, die ihre Lebensqualität für einige Wochen stark beeinträchtigt. Es liegt nahe, dass sie “Verständnis zeigen” für die Fällungspläne der Gemeinde, die zunächst von sieben zu fällenden Bäumen sprach, während jetzt bereits 25 Fällungsmarkierungen die Allee bis zur Stadtgrenze zieren.
Doch wie Verwandte, Freunde, Vertraute oder Familie sind Bäume mehr als Schmutz, Abfall oder irritierendes Verhalten. Nicht nur spenden sie Schatten in der Hitze des Sommers, sondern binden Staub aus der Luft, reinigen die Atmosphäre von Auspuffgasen und prägen überhaupt erst durch ihr Vorhandensein den Charakter der Wiener Straße.
Gleichgültig, was ihr behördlicher Status sagt: sie sind Naturdenkmäler alleine durch ihr Alter und die Geschichte, die in ihnen gespeichert ist, von denen ihre Gestalt erzählt, die Furchen in ihrer Rinde, die Wuchsrichtung ihrer Äste. Selbstlos bieten sie Myriaden von Lebewesen Unterkunft, Nahrung, Raum zum Sein. Und gleichmütiger als jeder Märtyrer werden sie ihr Schicksal empfangen - gleichgültig ob sie weiter leben dürfen, oder nicht!
Wenn wir einen kleinen Moment innehalten, und unter ihnen verweilen, uns auf sie einlassen mit allen unseren Sinnen, können wir viel von ihnen lernen.
Philipp Kronbichler